Vorbei sind die gemütlichen Ohrensesselabende mit Kollege Dr. Watson. Der englische Meisterdetektiv Sherlock Holmes braust mit seinem Kompagnon nur so durch rasante 128 Minuten. Langweilig wird es also nicht und von Grabesschändung kann keine Rede sein.
Gleich zu Beginn hetzt Holmes (Robert Downey Jr.) durch Londons enge Gassen, um eine Frau vor ihrem Tod in einer schwarzen Messe zu bewahren. Schwupps ist man mittendrin in der Handlung, in deren Verlauf der unheimliche Lord Blackwood (Mark Strong schöpft seine wenigen Auftritte als grössenwahnsinniger Bösewicht voll aus) seine Hinrichtung überlebt, die Stadt damit in Panik versetzt und hinter den Türen eines mysteriösen Ordens etwas Schlimmes im Schilde führt. Scotland Yard bittet Holmes um Hilfe und dieser freut sich ob der neuen Herausforderung, denn nach der Verhaftung Blackwoods war ihm schon recht langweilig geworden. Gemeinsam mit Watson (Jude Law), der sich eigentlich seiner Verlobten widmen wollte, boxt er sich buchstäblich durch die Unterwelt, beobachtet gekonnt und fügt mit seiner unschlagbaren Logik nach und nach alles zusammen.
Zugegeben, der olle Hut und der Spazierstock sind weg, der Gentlemen-Charme alter Holmes-Verfilmungen weicht hier einem eher verschmitzten und Robert Downey Jr. mag vielleicht auch nicht so gross sein wie ein Basil Rathbone. Dafür bietet diese Rolle für Downey Jr. (noch viel mehr als Iron Man), eine Plattform für seinen lakonisch-trockenen Humor, seine lose Zunge und seine lockere Handhabung, gepaart mit einer Portion liebenswerter Verschrobenheit. Das verspricht viel Spass und kann eigentlich eher als Zugewinn betrachtet werden, denn als Verballhornung des Originals. Das typisch Englische geht dabei mitnichten verloren, die Pointiertheit der Dialoge zwischen Watson und Holmes ist auch noch da, genauso wie Pfeife, messerscharfe Kombinationsgabe und viele weitere kleine Details. Obendrauf gibt es gleich vier wichtige Nebenfiguren der Sherlock Holmes Erzählungen zu sehen: Neben Inspector Lestrade nämlich noch Watsons Verlobte Mary Morstan, Holmes ebenbürtige Gegnerin Irene Adler und seinen Erzfeind Professor Moriarty (letzteren zumindest teilweise). Sicher nicht nur, um die skeptischen Fans zu beschwichtigen. Regisseur Guy Ritchie hat seine Hausaufgaben schon gut gemacht.
Und was hat es mit der Action auf sich? Die Story basiert auf einer bisher unveröffentlichten Graphic Novel von Produzent Lionel Wigram. Wer Sin City, 300, From Hell oder Watchmen noch im Gedächtnis hat, weiss, dass es in solchen Comicverfilmungen nicht gerade handzahm zu und hergeht. Wigrams Sherlock liegt darüber hinaus aber immer noch dem von Sir Arthur Conan Doyle zugrunde, der seine Figur selbst als dynamisch beschrieb. Kämpfen konnte sein Holmes auch und zwar in Form der Selbstverteidigungskunst Bartitsu (einer Mischung aus Boxen, Ringen und Jiu-Jitsu). Also nichts mit weit hergeholt. Diese rauere Interpretation in Kombination mit Guy Ritchies flottem Inszenierungsstil in hohem Schnitttempo, ergibt eine ganz und gar knackige Mischung. Kreativ sind vor allem seine Slow-Motion Effekte in den Faustkämpfen. Holmes analysiert in diesen Szenen zuerst, wo er mit welcher Wirkung seine Gegner treffen kann, ehe die Abfolge der Tritte und Schläge von ihm danach in normalem Tempo ausgeführt wird. Was macht also ein Guy Ritchie wenn ihm soviel Geld in die Hand gedrückt wird? Er schafft Popcorn-Kino für die Massen, lässt sich aber nicht kaufen und gibt dem Ganzen trotzdem seinen eigenen unverkennbaren Stempel. Guter Mann. Ein Rock N Rolla.
Ein weiterer Pluspunkt des Films ist, dass man ihm die Spielfreude der Schauspieler ansieht. Neben Downey Jr. agiert auch Jude Law toll in seiner Rolle des ebenso schlagkräftigen und nicht mehr ganz so unbeholfenen Watson, wie die Figur noch in früheren Darstellungen verkörpert wurde. Vielleicht führt gerade der Umstand, dass Law hier mal mit mehr als nur mit seiner Schönheit glänzt, zu seiner besten schaupielerischen Leistung seit langem. Dafür schwächeln die Frauenparts ein wenig. Rachel McAdams (Irene Adler) und Kelly Reilly (Mary Morstan) kommen in ihren Rollen nicht richtig zum Zug und wirken mehr als Störfaktoren des Dreamteams Downey Jr. und Law. Letztere wurden anscheinend am Set gute Freunde und freuen sich schon auf weitere Teile. Da das Ende förmlich nach einer Fortsetzung schreit, darf man sich mitfreuen und auf einen weiteren spannungsgeladenen, unterhaltsamen und entstaubten Holmes aus der Neuzeit hoffen. Wenn doch alle Blockbuster so cool wären.





